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    Vom Geschichten - erzählen

     

    Ja, eben meinte ich, daß ich Dir eine Geschichte erzählen wolle. Doch wie solle dieser Vorgang vonstatten gehen? Statt dessen fing ich an, mir Gedanken zu machen und stellte überrascht fest, daß man Geschichten nicht erzählen kann und ging der Sache auf den Grund.

    Ein Erzähler erlebt eine Geschichte für sich selbst – ob in der Realität oder in seinem Geist – und verspürt plötzlich das unbändige Verlangen, diese Geschichte anderen Menschen mitzuteilen. Er wählt das Medium, mit dem er sein Erleben vermitteln möchte. An seinem Ende des Weges erschafft er eine Wolke aus Gefühlen und Gedanken, spinnt das Geflecht der Geschehnisse, spielt mit dem Reiz der Assoziation und der Vision. Er läßt das Medium schwingen wie eine Glocke.

    Ist der Ton, den eine Glocke erzeugt, auch derjenige, den wir hören? Ist der Ton derselbe, wenn wir die Glocke mit geschlossenen oder offenen Augen vernehmen? Ist es der Ton der Glocke oder der Ton der CD, die wir beim Abspielen hören, Ton des Mikrofons oder des Lautsprechers? Ist der Ton, den Deine Ohren hören, derselbe, den ein anderer wahrnimmt?

    Eines ist sicher: der Ton einer Glocke ist nicht die Glocke und genau so ist eine Erzählung nicht die Geschichte, sondern eine subjektive Ausprägung und der Versuch, diese Ausprägung - einem Abziehbild gleich - auf andere Personen zu übertragen.

    Hast Du schon einmal als Kind versucht, ein Abziehbild auf Deinen Handrücken aufzubringen? Wie groß war Deine Verzweiflung, als es nicht Deinen Vorstellungen entsprochen hat, weil ein Teil fehlte, zu blaß abgebildet war oder verwischt aufgebracht wurde und dann erst der Zorn, wenn sich das schlechte Bild nicht mehr ohne Schmerzen entfernen ließ, um ein anderes auszuwählen, es sei denn, Du kennst einen Trick.

    Wie aus dem Nichts hast Du plötzlich eine Vorstellung davon, was einen guten Autor ausmacht: die Glocke klingt, wie es sein muß und das Abziehbild ist scharf, vollständig und bunt.

    Trotzdem bist Du schon wieder auf der falschen Fährte, denn die Glocke klingt so, wie Du Dir eine Glocke vorstellst. Das Abziehbild entspricht auch Deinem höchstpersönlichen Eindruck.

    Demzufolge gibt es für mich nur einen Schluß: Es sind nicht Geschichten, die erzählt werden. Aber es sind die Bilder, die in Dir leben.

    Sei ehrlich: nach diesen Zeilen hörst Du tief in Dir eine Glocke läuten und Du erinnerst Dich an den seltsamen Geruch der Abziehbilder, der Dir in die Nase stieg, als Du sie zum Aufkleben befeuchtet hast.

    Laß‘ Dir nicht die Bilder anderer suggerieren, baue Geschichten mit Deinen Bildern auf.

    „Meinst Du, es wäre Luft, die Du da atmest?“ – Morpheus in „The Matrix“