

Anbieterkennung
Sponsor-Partner:
(ich danke für klick & shop) |
|
|
|
|
aktuelles Thema - 1984 (zweiter Aufzug): Du wirst immer quaggiger.
Ja, ich scheine paranoid - und bekomme schon gleich ein sprachliches
Problem. Was ist das Gegenteil von "paranoid"? Das Gegenteil ist quaggig.
|
"Normal" ist nicht das richtige Wort, "Gesund" irgendwie auch nicht,
denn wenn ich paranoider werde, wie stellt sich die Welt von mir aus dar?
"Gesunder"? "Normaler"? "Gesund" und "normal" sind Endzustände, die
sprachlich nicht mehr steigerungsfähig sind. Zudem ist "normal" ein
höchst relativer Begriff, deswegen scheidet "normal" auch aus. Für
einige Sachverhalte gibt es keine Worte. Wenn ich hungrig bin und gegessen
habe, dann bin ich satt. Wenn ich durstig bin und getrunken habe, bin ich
was?
Nun, behelfe ich mich mit einem mathematischen Trick, zu irgend etwas
müssen diese Analysis-Vorlesungen ja gut gewesen sein...
p sei die Menge aller Personen.
Definition 1: Sei a,b,c aus p. Die Funktion pn(a) ist eine reelle Funktion,
die den Abstand der Paranoia vom gesunden Menschen beschreibt mit folgenden
Eigenschaften: pn(a) >= 0. pn(a)=pn(b) => pn(b)=pn(a). pn(a)>pn(b) und
pn(b)>pn(c), dann pn(a)>pn(c).
Lemma 1: Sei g aus p. Wenn pn(g)=0, dann bezeichnet man g als eine "gesunde"
Person.
Definition 2: "quaggig" ist der Ausdruck für "wenig paranoid".
Satz 1:
Seien a, b Element aus p.
Sei ferner pn(a) < pn(b) => delta=(pn(b)-pn(a9)) > 0.
Dann gilt: a ist um das Maß delta weniger paranoid als b.
Lemma 2: man sagt: a ist quaggiger als b.
Satz 2:
Es gibt ein a Element aus p, so daß für alle b Element aus
p gilt: (q(a)-q(b)) > 0.
Dann gilt: a ist am wenigsten paranoid.
Lemma 3: man sagt: a ist am quaggigsten.
Meinetwegen. Wer das Gegenteil kennt, kann das Wort resubstituieren. |
Also nochmals:
Ich scheine paranoid zu sein. Doch in Wirklichkeit werde ich nicht
paranoider, die Leute um mich werden immer quaggiger und ich bezweifle,
daß sie es merken.
Es geht ihnen wie dem Frosch, der in der Pfanne mit Wasser sitzt, die
ganz sanft immer mehr erhitzt wird. Dieser wird auch noch im kochenden
Wasser ruhig sitzen bleiben, weil er den Anstieg der Temperatur als wechselwarmes
Lebewesen nicht wahrnimmt.
Heute morgen kam im Radio ein Betrag über Mailand. Diese Stadt
wird gerade mit Kameras ausgestattet, alleine 150 Stück in einem Park.
In England gibt es eine Stadt, die schon 150.000 Kameras insgesamt betreibt,
die haben damit angefangen. Das Argument ist immer das gleiche und auch
immer einleuchtend: mehr Sicherheit für die rechtschaffenden Bürger.
Die Leute finden es gut. Ein Mädchen aus Mailand meinte, daß
sie zum Küssen allerdings nicht mehr in den Park gehen wird.
Als nächstes kommt irgendeine andere Stadt, z.B. in Frankreich,
dann hier und dort "gefährliche" (oder gefährlich gemachte!)
öffentliche Plätze auch in Deutschland (die Bahnhöfe sind
ja schon ver-video-t), bald ist ganz Europa "sicher". Der Grundstock wurde
hier in Deutschland gerade mit der Voyeurs-Serie Big Brother gestartet,
damit die Bürger sich ans beobachtet werden gewöhnen.
In diesem Stadium werden Bürger, die auf ihre Privatsphäre
hinweisen, mit der Frage "hast Du etwas zu verheimlichen?" konfrontiert.
Aber darum geht es nicht.
Es geht darum, daß jeder Mensch seine Geheimnisse hat und aufgrund
der Geheimnisse gerade interessant wird. Ich persönlich habe Big Brother
nicht aus Voyeurismus gesehen (jedenfalls nicht absichtlich, man gerät
beim Durchzappen auch mal auf diesen Kanal), habe durchaus aber ein paar
Minuten zur eigenen Meinungsbildung investiert. Da sitzen Leute, die sich
benehmen wie man selbst, wenn man zuhause ist. Die so reden, wie andere
Leute am Stammtisch, in der Disko, unter Freunden oder beim Frühstück.
Was wäre daran tatsächlich interessant und fesselnd, wenn es
kein Gewinnspiel dabei gäbe?
Nun, auf diese Frage kann es Leute geben, die sie für sich beantworten
können. Das ist sicher traurig, daß man Alltag im Fernsehen
spannender findet als zuhause oder mit Kollegen. Ich stelle nicht außer
Frage, daß die Big Brother Bewohner auch spannende Geschichten erlebt
haben, aber diesen begegnet man auch im "real life" - wenn man sich denn
die Mühe macht.
In Zukunft wird es einfacher. Nachdem alle Kameras installiert sind,
wird es sicher auch nach einer Gewöhnungsphase soweit sein, daß
man alle Kameras zum Zugriff für jedermann frei gibt - denn was will
man schon großartig sehen, wenn niemand etwas zu verbegen hat. Dann
brauchen wir nicht mehr in den Park zu gehen, wenn wir knutschende Teenis
beobachten wollen oder wie der Kellnerin die Tasse café o lait
über den Gast auskippt.
Den Standort eines eingeschalteten Handys kann man bis auf 10 m genau
orten (zur Zeit. Bald geht das auch genauer). Wir legen uns Rabattsysteme
zu, bei der uns eine firmenübergreifende Kundenkarte Gutschriften
auf den Umsatz beschert. Wir buchen Flüge und Hotels über Kreditkarten,
das nennt sich dann Service oder Kundenbindung. Wir lassen uns mit immer
Freude aus Bequemlichkeit auf Schritt und Tritt beobachten, wir brauchen
noch nicht einmal Gesetze dazu.
Später genügt ein einfaches Gesetz, welches dem Staat die
Datenzusammenführung gestattet, er muß die Daten noch nicht
einmal selbst sammeln. Wo ist die Demokratie in diesem Fall hin? Ist sie
dann überhaupt noch nötig?
Ich rechne damit, daß wir immer mehr freiheitlichen Restriktionen
ausgesetzt sind und uns vom mündigen Bürger fortentwickeln. Ich
habe fast den Eindruck, daß viele Bürger Ihre Mündigkeit
aufgeben wollen und bei Abweichungen von der Norm wird die Ursache auf
das System geschoben - das sie selbst geschaffen haben. Die meisten merken
es gar nicht, da ihnen der momentane Trend ein willkommenes Ruhekissen
darstellt. Den Unterschied merke gerade ich immer häufiger. Ich habe
(deswegen die Meinung, ich wäre paranoid) weder Kreditkarten, noch
Handy, noch Kundenkarten, Geldkarte benutze ich nicht, Buchungssystem mit
Kundennummern auch nur, wenn es absolut sein muß. Ich hole mir das
Geld vom Geldautomaten und bezahle bar fast alles, was ich mir kaufe. Man
kann mich nicht tracken. Nemand hat es zu interessieren, wo ich was für
wieviel wann kaufe und mit wem ich telefoniere.
Wehret den Anfängen. Demokratie muß verteidigt werden. Und
das werde ich auch, selbst wenn ich dafür in den Untergrund gehen
muß. Ich rechne damit, daß es zwischen 2020 und 2030 soweit
ist.
|