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Als ich meinen Wehrdienst ableistete, war ein Grundwehrdienst von 15 Monaten normal. Eingerückt am 01.10.1987, ausgekleidet 06.10.1988, weil ich vorzeitig wegen Studienbeginn vom Dienst freigestellt wurde. Dann wurde ich am 17.10.1988 nochmals kurzzeitig eingekleidet und wieder ausgekleidet, aber dazu später.

Die Grundausbildung umfasste 6 Wochen (statt der normalen 3 Monate). Ich war als Stabsdienstsoldat vorgesehen, mit Zusatzausbildung Funk und KFZ B = der (zivilen) Klasse 3. Eine Funkerausbildung habe ich leider nie erfahren und den Klasse 3 Führerschein besaß ich schon, der war beim Bund allerdings nicht gültig. Deswegen habe ich eine verkürzte Fahrerausbildung von zwei Wochen bekommen (und vier Wochen "grün", d.h. Schlammrobben, Schießen u.s.w. - alles was dazu diente, die rote Flut aufzuhalten<sarkasmus>).


Stubenkollegen

Der Zug


Dieser Teil der Ausbildung fand im Transportbatallion 370 (Hermeskeil) statt. In derselben Kaserne war auch ein Panzerbatallion stationiert, deswegen wurden wir im Gelände beinahe von einem übenden M48 überrollt. So witzig war das garnicht, wenn plötzlich mit 60km/h ein Panzer durchs Gebüsch an einem vorbei walzt (ich habe eine Mail erhalten, daß sie langsamer waren. Also sagen wir einfach: ich hatte den Eindruck, sie wären so schnell gewesen. Also schneller, als es sein sollte).
Die stressigste Nacht war, als die Panzer zu einer Übung nachts ausgerückt sind. Einer nach dem anderen sind langsam vom Gelände auf die Panzerstraße geschlichen, haben dort mit Ihren Motoren gespielt und sind dann wieder zurück. Die Dinger sind laut und haben jeweils einen Käfermotor dort, wo normale Autos ihre Anlasser haben. Die ganze Nacht. Verdammt.

Nach den sechs Wochen bin ich jedenfalls (mit bestandener Fahrprüfung) versetzt worden, da die Grundausbildung beendet war. Kaum war ich aus der Kaserne raus, ist NATO-Alarm ausgerufen worden. Ist nur ein Übungsalarm, aber es bedeutet: alle Kasernen werden für mindestens 36h dicht gemacht und jeder Soldat verbringt die Zeit an seinem Einsatzort, damit die Offiziere Command & Conquer spielen können. Außerdem soll jeder Soldat außerhalb sofort seine Kaserne aufsuchen. Der Marschbefehl bot die erforderliche zeitliche Flexibiliät, um mitten im NATO-Alarm bei der LLVersKp 260 (Luftlandeversorgungskompanie, Merzig) einzutreffen. Oder besser: mitten im Chaos. Niemand war über das Eintreffen von mir und zwei Mitstreitern informiert und es gab auch keine Stellen, die besetzt werden mußten (wir waren ja 6 Wochen zu früh). 
Also sind wir dorthin verteilt worden, wo am dringensten Leute gebraucht wurden - eine große Herausforderung. Also kam ich in den ZugTrupp der Instandsetzungszug 260.

Der Instandsetzungszug besteht im wesentlich aus KFZ-Mechanikern, Sattlern und Waffenmechaniker. Sie ist wie eine (sehr große) Meisterwerkstatt mit eigenem TÜV organisiert.  Hier werden Fahrzeuge aller Art gewartet und repariert (vom Kraftrad bis zum 20to mil gl), Waffen bis 20mm Kanone repariert, kalibriert und eingeschossen und alles geflickt, was aus Stoff oder Leder ist, inklusive Atemschutzmasken. Große Montagehallen mit Hallenkran, Prüfplätze und Lackstationen. Oben seht Ihr den Überblick über unsere Kompanie. ca. 150 Fahrzeuge, ich stehe irgendwo im zweiten Haufen von rechts... glaube ich. Die weiße Halle im Hintergrund (Mitte rechts) ist die Werkstatt.

Der ZugTrupp ist sowas wie eine Steuerungszentrale und besteht aus dem Zugführer (ein Oberleutnant, Berufssoldat), einem Feldwebel (Soldat auf Zeit für 12 Jahre, gespielter Lieblingswitz mit einem anderen Feldwebel: "Macht Bundeswehr gleichgültig?" - "Ist mir doch scheißegal!") und zwei ZugTrupp-Soldaten (die erledigen die Arbeit) ... plus mir. Der Grund war  mir sofort klar: einer der ZugTrupp-Soldaten war ein Zeitsoldat Z4 = 4 Jahre und nach 2 1/2 Jahren immer noch Gefreiter, zweimal durch den Unteroffizierslehrgang gerasselt.... entsprechend groß war das Chaos, trotz einfacher Struktur ist ZugTrupp anspruchsvoll und immerhin arbeiteten wir den ganzen Tag mit der ZKG = Zentralkarte Gerät. Ein Ding mit insgesamt 6 durchschreibenden Blättern, eigentlich ein perfektes Quittungssystem. Wenn mir jemand gezeigt hat, welche Ausfertigungen er hat, konnte ich ihm sagen, wer er ist, welchen Status sein Fahrzeug in der Werkstatt hat und wo die anderen Exemplare der Karte sind. Aber für den Z4 war das intellektueller Overkill.
Also habe ich mich erst mal um die Organisation des Ladens gekümmert und zwar soweit erfolgreich, daß dem Z4 eine neue, anspruchsvolle Aufgabe zugeteilt werden konnte: den Dachspeicher der Kompanie aufzuräumen. Dadurch wurde das Chaos wieder weniger und ich hatte tatsächlich Zeit, die Arbeit komplett zu erledigen.

Meine Aufgaben als ZugTrupp-Soldat:

  • Überwachung des Reparaturzyklus:
    • Entgegennahme eines defekten Fahrzeuges und Anlegen einer ZKG
    • Bereitstellung zur Prüfung
    • Rückgabe an die Kompanien bei Fahrtüchtigkeit
    • Weiterleitung zur Ersatzteilbeschaffung
    • Bei Eintreffen der Ersatzteile Abrufen des Fahrzeuges von der Kompanie
    • erneute Entgegennahme und Zuweisen Arbeitsstunden, Mechaniker, Arbeitsplatz
    • Abholung des reparierten Fahrzeuges durch die Kompanie veranlassen
    • (Stunden-) Abrechnung der Reparatur
    • Ablage der ZKG
  • Führen von Statistiken und Organisationsmitteln
    • Ablage
    • Planungsgerät
    • wöchentlicher und monatlicher statistischer Bericht über den kompletten InstZug (Effizienzberechnung, Planerfüllung).
    • Vorausplanung und Soll / Ist Abgleich der geplanten / geleisteten Arbeitsstunden
  • externe Vergabe
    • komplette Organisation von Auftragsvergabe an zivile Werkstätten
    • Rechnungsprüfung und -abwicklung (inklusive Organisation der Unterschriften)
  • Führen des Schlüsselbuches
    • ca. 40 Schlüssel des Bereiches verwalten
    • Sicherstellen, daß alle Türen abends abgeschlossen sind
  • Naja, und Freitags mittags das ZugTruppbüro sauber machen :)

Die Arbeit habe ich vermutlich gut gemacht. Hinweise darauf: meine Vorgesetzten haben sich nach einem Jahr entschuldigt, daß sie mir keine Hauptgefreitenstelle geben konnten, da mein Ausbildungs-/Tätigkeitsnachweis nicht das richtige Profil für die offenen HG-Stellen aufwies. Hat mir nichts ausgemacht, denn als HG wäre man automatisch ständige Reserve geworden <grins> So war ich dann nur Obergefreiter. Ein Wehrdienstleistender, der früher entlassen wird, wird normalerweise noch nicht einmal OG (jedenfalls nicht in einer Luftlandekompanie, wenn er keinen Springerlehrgang gemacht hat). Dann bin ich auch noch gesondert verabschiedet worden und habe ein Geschenk von meinen Vorgesetzten bekommen, einen Zinnteller mit dem Adler der Fallschirmjäger und allen Unterschriften hinten drauf. Im Bild oben rechts zu sehen. Mein Nachfolger wurde mit den Worten "Es ist nicht schwer, voran zu gehen. Es ist schwerer, nachzufolgen." begrüßt.

Und dann war da noch die andere Geschichte...

Am 06.10.1988 habe ich alle meine BW-Kleider abgegeben. Endlich Schluß und nichts wie mit den Vorbereitungen fürs Studium beginnen. Mitte Oktober kommt ein Anruf, mein (mittlerweile) Oberfeldwebel am Apparat. "Kleemann, haben Sie am 17.10. Zeit?" - ein Kloß im Hals. Ist etwas schief gelaufen? "Ja." "Dann sehen Sie zu, daß Sie am 17.10. um 15:00 Uhr eingekleidet hier in Merzig erscheinen". Lähmendes Entsetzen. "Jawohl."
Also setze ich mich am 17.10. in meinen alten, guten Peugeot 305 und fahre zur Kaserne. Mit beklemmenden Gefühl betrete ich das Kasernengelände und suche den alten InstZug auf. Dort werde ich sofort von einem Unteroffizier an der Hand (metaphorisch) geholt und zum Einkleiden geleitet. Ein kompletter Kampfanzug mit Barett und Stiefeln. Sogar die Mangelware "Schlaufen" (kennzeichnen die Waffengattung und Tätigkeit, blau war Versorger, grün Jäger etc.) war für mich verfügbar.
Seltsam genug, dann war allgemeines Antreten vor der Kompanie. Jeder war ausgesprochen freundlich zu mir (außer mein Z4-Kollege). Und dann bekam ich verliehen, was Ihr im Bild mit dem Bundesadler und dem Kreuz seht: Verdienstmedaille der Bundeswehr. Kommentar Z4: "Warum ausgerechent der? Warum nicht ich?"
Das hätte ich nicht erwartet. Das bekommen (hat man mir gesagt) maximal 3 Soldaten pro Jahr pro Brigade. Also tatsächlich etwas außergewöhnliches. Erst recht für einen Wehrpflichtigen, der drei Monate früher geht und als Fallschirmjäger keinen Springerlehrgang absolviert hat. Die Verleihungsurkunde unterschrieben vom Verteidigungsminister (damals Rupert Scholz, ein Unikum: er war selbst nie beim Militär).

Das Kompanieabzeichen mit dem gelben Schweif (links) hat eigentlich nichts mit mir zu tun, außer daß ich es mir von einem Soldaten von der LLStabKp 26 ertauscht habe. Ich selbst war nach meiner Grundausbildung ein "Känguruh" (rechts).